Ghostwriter für den Papst

Urchristen helfen ihrem Bruder

Radio Vatikan sucht einen Ghostwriter für den Papst – und zwar für eine Rede, die Joseph Ratzinger im April vor den Vereinten Nationen in New York halten soll.

Diese Meldung ist, wie wir uns überzeugten, kein verfrühter Aprilscherz, sondern ein durchaus ernst gemeintes Hilfeersuchen, standesgemäß verbreitet über die Katholische Nachrichtenagentur (kna, 18.1.08).

Und wo ein Mitmensch um Hilfe bittet, können Menschen mit Herz nicht abseits stehen. Einige Urchristen, der ursprünglichen Lehre des Nazareners verpflichtet, haben daher nicht gezögert und Eberhard von Gemmingen, dem Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan, einen Redevorschlag für den Papst übersandt – allerdings mit dem Hinweis, dass sie auf den ausgelobten ersten Preis, die Teilnahme an einer Generalaudienz des Papstes in Rom, dankend verzichten.



Und hier ist der vorgeschlagene Redetext:

Entwurf einer Rede, die Papst Benedikt XVI. Mitte April vor den Vereinten Nationen in New York halten könnte:

Vertreter aller Nationen! Ihr Menschen in allen Ländern dieser Erde, die ihr alle Kinder des einen Vaters im Himmel seid!

Ich bin eingeladen worden, als Oberhaupt einer Kirche und als Staatsoberhaupt eines der kleinsten Staaten der Erde zu euch zu sprechen. Doch das soll heute nicht im Vordergrund stehen. Ich will heute als Bruder zu euch sprechen, als Mensch unter Menschen. Deshalb trete ich vor euch nicht in prunkvoller Gewandung, sondern in einfacher Kleidung.

In den vergangenen Wochen und Monaten habe ich viel darüber nachgedacht, welche Rolle die Kirche, zu deren Vorsitzenden ich gewählt wurde, in der Geschichte der Menschheit gespielt hat und noch heute spielt.

Gerade in einer Zeit, in welcher die Menschheit am Abgrund einer weltweiten Klimakatastrophe steht, kann ich nicht länger schweigen. Ihr Menschen in aller Welt, ich muss euch gestehen: Die Institution, die ich zu vertreten habe, steht tief in eurer Schuld.

Es war die Institution Kirche, die über Jahrhunderte hinweg die Menschen in den sogenannten christlichen Ländern lehrte, dass die Natur gegenüber dem Menschen eine minderwertige Stellung einnimmt, dass insbesondere die Tiere keine Seele haben. Damit haben wir die belebte Natur, die beständig vom Geist Gottes durchströmt wird, in den Augen der Menschen zu einer bloßen Sache herabgewürdigt, mit der der Mensch ganz nach Gutdünken verfahren kann. Wir haben über Jahrhunderte den Grundstein für den sogenannten „Fortschritt“ der modernen westlichen Zivilisation gelegt – ein Fortschritt, der zwar den Menschen so manche technische Erleichterung brachte, der aber auch mit grausamer Rücksichtslosigkeit über die natürlichen Lebensgrundlagen des Planeten Erde hinwegschritt, weil er von der unbegrenzten Ausbeutbarkeit dieser Erde ausging.

Wo einzelne Menschen oder Bewegungen einen echten Fortschritt der Herzen bewirken wollten, haben wir dies nicht gefördert, sondern bekämpft. Wir haben die Lehre des urchristlichen Vegetariers Priscillian schon im vierten Jahrhundert als „Ketzerei“ verurteilt und ihn in Trier köpfen lassen. Wir haben im Mittelalter Menschen als „Ketzer“ verbrennen lassen, wenn sie sich weigerten, ein Tier zu töten. Wir haben unter meiner persönlichen Anleitung, was ich inzwischen tief bereue, noch im 20. Jahrhundert in unserem Katechismus bekräftigt, dass der Mensch sich der Tiere bedienen dürfe, sogar für grausame Tierversuche.

Der Stuhl Petri, als dessen Vertreter ich heute hier vor euch stehe, hat nie ein Wort gegen die skandalöse Misshandlung von Tieren in der industriellen Massentierhaltung gesagt, die, wie wir heute wissen, mit 18 Prozent mehr Anteil am Klimawandel hat, als der gesamte weltweite Verkehr. Um die Futtermittel für diese Massentierhaltung anzubauen werden ständig weitere Regenwälder abgeholzt. Wir haben nichts gesagt gegen die Misshandlung unserer Böden, also der Lebensgrundlage aller Menschen, durch eine rücksichtslose industrielle Landwirtschaft, die das Bodenleben mit chemischem Dünger und Agrargiften, mit tierischen Exrementen quält und auslaugt, die ganze Landstriche leergeräumt hat und außer ihren Monokulturen kein Leben duldet – so, wie der egoistische Mensch, der in dem Wahn lebt, er könne ohne die Natur, ohne die Mutter Erde existieren.

Ich habe mir in den letzten Wochen viele Gedanken gemacht und habe erkannt: Wir, die Kirche, haben diesen Wahn maßgeblich verursacht. Wir haben den Menschen das Gesetz von Saat und Ernte vorenthalten, obwohl es in unserer eigenen Bibel zu lesen ist: „Was der Mensch sät, das wird er ernten!“ Hätten wir die Menschen eindringlich auf dieses Gesetz hingewiesen, so könnten sie heute nicht in diesem Ausmaß die Tiere quälen, die Natur zerstören und gegeneinander Kriege führen – denn sie wüssten dann, dass dies für ihre Seelen und eventuell auch für ihre Körper nicht folgenlos bleiben kann. Wir haben auch die Reinkarnation, die für viele Völker dieser Welt eine bekannte Tatsache ist, aus unserer Kirchenlehre verbannt, obwohl sie, wie noch der große Theologe Origenes im dritten Jahrhundert wusste, eine Wahrheit ist. Warum haben wir das getan?

Es ist eine bittere Erkenntnis, aber muss sie aussprechen: Wir haben den Menschen diese Wahrheiten vorenthalten, weil sie dann selbst die Verantwortung für ihr Leben übernommen hätten. Weil es ihnen dann bewusst geworden wäre, dass sie selbst ein Tempel des Heiligen Geistes sind, und dass es keine Vermittler braucht, weder Priester noch Bischöfe noch einen Papst, um Gott in ihrem Inneren näherzukommen. Statt dessen haben wir sie an äußere, meist aus dem Heidentum stammende Zeremonien und an komplizierte Dogmen gebunden und ihnen immer wieder qualvolle Höllenangst eingejagt, um sie besser beherrschen zu können.

Es ist eine bittere Wahrheit, insbesondere für die Brüder und Schwestern, die sich katholisch nennen, aber auch für viele der anderen Konfessionen, die den Namen Christus im Munde führen – aber ich will in dieser Stunde reinen Tisch machen und mein Gewissen erleichtern: Wir haben die Lehre des Nazareners zwar teilweise im Munde geführt – aber wir haben in Wirklichkeit in vieler Hinsicht das genaue Gegenteil dessen getan, was Er wollte und lehrte.

Er war Pazifist – wir aber haben immer wieder Kriege gerechtfertigt, ja sogar immer wieder die Mächtigen der Welt zu Kriegen angetrieben, um selbst mächtiger zu werden. Viele Kriege auf dieser Welt wären vermutlich gar nicht ausgebrochen, wenn wir die Menschen, wie es der Nazarener wollte, gelehrt hätten, dass jeder Krieg in den Gedanken und Gefühlen des Menschen beginnt, die er mit Hilfe der inneren Christuskraft erkennen und bereinigen sollte. Aber dann hätten wir, die Priesterkaste, ja selbst damit beginnen und Vorbild sein müssen.

Wir haben Reichtum und Macht in unverstellbarem Ausmaß angehäuft, obwohl der Nazarener uns einschärfte, keine Schätze anzuhäufen, die Motten und Rost fressen. Unsere Kirchen sind goldverbrämt und voller Schätze. Woher stammen sie? Das Geld und Gold wurde den Armen abgepresst, durch Kirchenzehnt, durch Erpressung der Politiker, durch Raubzüge, durch die Beschlagnahme des Vermögens der durch die Inquisition Verurteilten, durch die Ausplünderung und Ermordung der Ureinwohner Amerikas.

Ich schäme mich dafür! Und ich verkünde an dieser Stelle: Was den Ureinwohnern Amerikas und anderen Völkern dieser Erde geraubt wurde, soll zurückgegeben werden! Der Goldschatz des Vatikan, die Aktienpakete und Beteiligungen an zahllosen Firmen, unter anderem in der Rüstungsindustrie, wird in den nächsten Wochen aufgelöst, und der Erlös kommt den Armen dieser Welt zugute, als Hilfe zu Selbsthilfe im Sinne des Nazareners, der sprach: Einer trage des anderen Last!

Ich muss es einfach so sagen: Verbrechen über Verbrechen hat die Institution Kirche auf sich gehäuft. Der deutsche Schriftsteller Karlheinz Deschner, den wir immer bekämpft haben, hatte leider nur allzu recht, als er schrieb, und ich darf zitieren:

»Nach intensiver Beschäftigung mit der Geschichte des Christentums kenne ich in Antike, Mittelalter und Neuzeit, einschließlich und besonders des 20. Jahrhunderts, keine Organisation der Welt, die zugleich so lange, so fortgesetzt und so scheußlich mit Verbrechen belastet ist, wie die christliche Kirche, ganz besonders die römisch-katholische Kirche. «

Ich muss ihn nur an einer Stelle korrigieren: Eine „christliche Kirche“ sind wir leider nie gewesen – denn Jesus von Nazareth hat gar keine Kirche gegründet. Er begründete das Urchristentum – und das ist, wie ich heute gestehen muss, etwas völlig anderes.

Für die zahllosen Verbrechen, die im Namen Gottes von meiner Institution, der Kirche, begangen wurden, haben wir die Menschheit nie um Vergebung gebeten. Auch mein Vorgänger, Papst Johannes Paul II. genannt, hat im Jahr 2000, gemeinsam mit seinen Kardinälen, zu denen damals auch ich gehörte, eine solche Entschuldigung nur vorgetäuscht. Er sprach lediglich von „einzelnen Christen“, die Schuld auf sich geladen hätten – und schob damit die Verantwortung dem Kirchenvolk zu statt der Kirche und letztlich dem Papsttum. Dieses hat aber das Unrecht der Inquisition, der Hexenverbrennungen, der Kreuzzüge, der blutigen Eroberung Amerikas, um nur einiges zu nennen, letztlich zu verantworten. Mit dieser halbherzigen Entschuldigung sollte vermieden werden, die angebliche Unfehlbarkeit des Papsttums infrage zu stellen – eine Unfehlbarkeit, die Jesus von Nazareth nie lehrte, weil er gar keine Päpste eingesetzt hat.

Ich will jetzt aber die Schuld an dieser völlig unzureichenden Vergebungsbitte des Jahres 2000 nicht meinem Vorgänger zuschieben. Ich war, wie gesagt, damals selbst zugegen und sprach in Bezug auf die Inquisitionszeit die Worte:

„Lass jeden von uns zur Einsicht gelangen, dass auch Menschen der Kirche im Namen des Glaubens und der Moral in ihrem notwendigen Einsatz zum Schutz der Wahrheit mitunter auf Methoden zurückgegriffen haben, die dem Evangelium nicht entsprechen.“

Aus heutiger Sicht muss ich sagen: Ich habe damals nicht nur die Inquisition einmal mehr verharmlost, ich habe es auch versäumt, all die Opfer, die unter der Grausamkeit der kirchlichen Folter und der unbarmherzigen Ausmerzung alles Nicht-Katholischen zu leiden hatten, ehrlichen Herzens um Vergebung zu bitten.

Dies will ich an dieser Stelle nachholen:

Ich bitte alle Menschen und Seelen um Vergebung, die vom Stuhl Petri im Laufe der Jahrhunderte verleumdet, verfolgt, beraubt, vertrieben, gefoltert und ermordet wurden.

Ich bitte im Namen des Stuhles Petri auch alle Menschen und Seelen um Vergebung, die aufgrund der von der Kirche verübten Verbrechen und aufgrund der von der Kirche aufgestellten Dogmen, die mit der wahren Lehre des Nazareners nur sehr wenig zu tun haben, am Glauben an Gott irre geworden sind. Ich bitte vor allem die Kinder und Jugendlichen um Vergebung, die von Priestern meiner Kirche sexuell missbraucht wurden und oft ein Leben lang unter den Folgen dieser Misshandlungen zu leiden haben.

Ich bitte alle Menschen und Seelen: Rechnet all dies, was geschehen ist, nicht dem barmherzigen Gott und Seinem Sohn Christus zu. Sie haben dies alles weder veranlasst noch gewollt. Es stand und steht vielmehr allein in der Verantwortung der Institution Kirche.

Ich bitte auch die zahllosen Menschen insbesondere in Afrika um Vergebung, die unter den Folgen einer schrecklichen Seuche mit Namen Aids zu leiden haben, die dadurch verschärft wurde, dass meine Kirche sie durch weltfremde Moralverstellungen daran hinderte, entsprechende Schutzmaßnahmen zu ergreifen.

Ich bitte über den Gottesgeist auch alle Tiere und Pflanzen um Vergebung, die durch das Verschulden meiner Institution so unendlich unter der Grausamkeit des Menschen zu leiden haben.

Ganz besonders bitte ich diejenigen um Vergebung, die in den letzten 30 Jahren vor der drohenden Klimakatastrophe gewarnt haben, und die dafür von uns nur Hohn, Spott und Verleumdung ernteten. Der heutige Zustand der Ede hat mir die Augen geöffnet. Ich habe eingangs gesagt: Die Welt steht am Abgrund. Sie müsste aber nicht am Abgrund stehen. Sie würde heute nicht am Abgrund stehen, wenn der Stuhl Petri nicht die vielen Warnungen missachtet hätte, die schon vor Jahrzehnten von zahlreichen Wissenschaftlern ausgesprochen wurden, aber auch von gotterfüllten Menschen, denen der Schutz der Mutter Erde als eines von Gott gesegneten Planeten wirklich am Herzen lag und liegt.

In der Bibel steht zu lesen: „Der Geist Gottes weht, wo er will.“ Die Institution Kirche erhebt zwar bis zur Stunde den Anspruch, dass die gesamte Bibel, trotz aller darin enthaltenen Widersprüche und teilweise sogar Grausamkeiten, das reine Gotteswort sei. Gerade diese Bibelstelle hat sie aber nicht beherzigt, im Gegenteil: Sie hat den Geist Gottes, der sich in vielfältiger Weise und meist außerhalb der Kirchenmauern äußern wollte, zu behindern und zum Schweigen zu bringen versucht. Auch dafür bitte ich heute um Vergebung.

Und ich kann sagen: Ich bin heute in gewisser Weise froh, dass es uns, trotz aller Anstrengung, nie ganz gelungen ist, den Gottesgeist zum Schweigen zu bringen. Ich bin aber zutiefst traurig, dass es heute in vieler Hinsicht zu spät zu sein scheint, vieles von dem noch abzuwenden, was der Mensch auf dieser Erde an Negativem in Gang gesetzt hat. Und ich bin besonders traurig, dass dies maßgeblich durch das Verschulden der Institution geschah, der ich vorstehe.

Ich kann daher hier vor Ihnen, vor den Repräsentanten aller Völker dieser Erde, nur demütig in die Knie gehen und Abbitte tun. Als Zeichen der Buße und Umkehr verfüge ich, dass die Kirche als Institution aufgelöst wird und ihr Vermögen den Armen zugute kommt.

Die Gläubigen meiner Kirche, die ab sofort keine mehr ist, rufe ich auf: Seht euch als Brüder und Schwestern, gemeinsam mit allen Menschen dieser Erde. Wendet euch Gott in eurem Inneren zu! Bildet geschwisterliche urchristliche Gemeinschaften im Zeichen der Bergpredigt und der Zehn Gebote – Gemeinschaften von Menschen, die einander helfen und beistehen!

Die Priester, Mönche, Kardinäle und Bischöfe fordere ich auf: Zieht eure prunkvollen Gewänder aus! Ich habe es bereits getan. Lebt unter dem Volk von euerer Hände Arbeit, wie es der Zimmermann Jesus vormachte.

Und allen Völkern dieser Erde rufe ich zu: Achtet die Tiere und verzehrt sie nicht länger! Achtet die Natur, die uns Gott geschenkt hat! Beenden wir den Krieg gegen die Mutter Erde – dann fällt es uns auch leichter, Streit und Krieg unter uns Menschen zu beenden. Das ist es, was sich Gott von uns wünscht. Vielleicht lässt sich dann noch einiges abwenden und abmildern, was auf die Erde und die Menschheit zukommt. Ich wünsche es uns allen von Herzen!


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