In einem offenen Brief wandte sich der Jurist Dr. Christian Sailer, der als Anwalt mit dem vormaligen Kardinal Joseph Ratzinger auch persönlich zu tun hatte, an den neuen Papst. Sailer schreibt in diesem Fall nicht in erster Linie als Jurist, sondern als Ex-Katholik. Er macht den Papst darauf aufmerksam, dass der Katechismus seiner Kirche und die päpstlichen Gepflogenheiten mit vielem unvereinbar erscheinen, was der junge Theologe Ratzinger seinerzeit vertrat.

Bild: Was würde Jesus von Nazareth dazu sagen?

Was würde Jesus von Nazareth dazu sagen?

 



Mitte der 60er Jahre machte Konzilstheologe Joseph Ratzinger darauf aufmerksam, dass es gefährlich sei, sich als Papst »Heiliger Vater« nennen zu lassen.
Nun ist er selbst Papst geworden und lässt sich als »Heilger Vater« feiern.
Was sagte doch Jesus von Nazareth: »Nur Einer ist euer Vater, der im Himmel; nur Einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder.« (Mt 23,8 f.)


Offener Brief an Papst Benedikt XVI.

Kurz nach seiner Wahl zum Papst schrieb Rechtsanwalt Dr. Christian Sailer einen Offenen Brief an Benedikt XVI.
Dr. Sailer kennt den Papst aus der Zeit, als er noch Joseph Ratzinger hieß und Erzbischof von München und Freising war, persönlich.

An Seine Heiligkeit
Papst Benedikt XVI.

Verehrter Papst Benedikt,

bitte sehen Sie mir die nicht der Etikette entsprechende Anrede nach! Es fällt mir schwer, einen Menschen als »Heiliger Vater« oder »Eure Heiligkeit« anzureden. Ich wende mich nicht als Mitglied Ihrer Kirche an Sie, sondern schlicht als ein Bruder in Christus.

Vielleicht darf ich eingangs erwähnen, dass wir uns schon einmal begegnet sind - in einer ziemlich kritischen Situation: Sie hatten als Erzbischof von München und Freising gegen einen aufmüpfigen Landpfarrer, der sich weigerte, den Peterspfennig abzuliefern, kirchliche Disziplinarmaßnahmen eingeleitet. Und dieser Mann wandte sich ausgerechnet an mich als Anwalt, um seine Absetzung mit rechtlichen Mitteln zu verhindern. Aus dem kirchenrechtlichen Disput wurde eine persönliche Begegnung, die im Laufe eines von Ihnen verständnisvoll geführten Gesprächs zu einer gütlichen Einigung führte. Der Pfarrer war seinem Kardinal dankbar und der Anwalt von dessen Versöhnungsbereitschaft beeindruckt. Angesichts Ihres ereignisreichen Lebens erscheint es mir freilich eher unwahrscheinlich, dass Ihnen diese Begegnung noch im Gedächtnis ist. Vermutlich ebenso wenig, wie es Ihnen zu Ohren gekommen sein dürfte, dass in der Fernsehsendung Dieci minuti bei RAI UNO mitunter ein deutscher Jurist auftrat, der eine religiöse Bewegung vorstellte, die an das Urchristentum anknüpft. Aus dem Münchner Rechtsanwalt von anno dazumal wurde inzwischen ein (hoffentlich) bescheidener Gottsucher im Kreis einer urchristlichen Gemeinschaft, welche die Lehren des Jesus von Nazareth ohne kirchliche Dogmen und Riten zu verstehen und im Alltag umzusetzen versucht.

Lebensfragen des Christseins

Unter Berufung auf diesen Versuch erlaube ich mir, dem neu gewählten Papst der römisch-katholischen Kirche einige Fragen zu stellen.

Dies mag anmaßend erscheinen, aber Christus unterscheidet nicht zwischen Hochgestellten und Niedrigen. Und da es sich um Lebensfragen des Christseins handelt, sollten diese nicht in camera erörtert werden, weshalb ich mir erlaube, diesen Brief als offenen Brief zu schreiben.

Joseph Ratzinger:
»Gefährlich, sich als Papst `Heiliger Vater´ nennen zu lassen«

Die erste Frage wurde auch schon einmal von Ihnen selbst gestellt: Wie der Limburger Bischof Franz Kamphaus in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung jüngst berichtete, machten Sie Mitte der 60er-Jahre, bereits etabliert als Konzilstheologe, darauf aufmerksam, dass es gefährlich sei, sich als Papst »Heiliger Vater« nennen zu lassen. Jesu Wort stehe dagegen:
»Nur Einer ist euer Vater, Der im Himmel; nur Einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder.«
(Mt 23,8 f.)

Für viele mag dies vielleicht nur eine Äußerlichkeit sein. Doch wie Sie selbst sagten: Jesu Wort steht dagegen - weshalb sich die Frage stellt: Wie ernst nimmt der neue Papst das Wort des Jesus, des Christus, wenn auch er sich »Heiliger Vater« nennen und die Menschen vor sich niederknien lässt?
Blutige Vergangenheit der Kirche

Dieselbe Frage trifft auch die Kirche als Institution, wenn sie sich trotz ihrer blutigen Vergangenheit immer noch als alleinseligmachende Heilsanstalt des Christentums versteht, die ihre Mitglieder unter Zuhilfenahme geistlicher Strafdrohungen bereits als Säuglinge requiriert und als Erwachsene festhält. In Ihrer vielgelesenen »Einführung in das Christentum« schrieben Sie bereits 1968, dass Sie angesichts der Kirchengeschichte »Dantes grauenvolle Vision verstehen können, der im Wagen der Kirche die babylonische Hure sitzen sah« (S.282). Konsequenzen, die daraus zu ziehen wären, finden sich in der Offenbarung des Johannes, der in Bezug auf die Hure Babylon dazu rät: »Gehet aus von ihr, mein Volk, dass ihr nicht teilhaftig werdet ihrer Sünden...!« (Off.18,4) Doch wer diesem Ratschlag folgen will, wird von der Kirche mit der furchtbaren Strafe ewiger Verdammnis bedroht.

Paradoxe Auskünfte

Wer zur Lösung dieses Konflikts zwischen dem Heil in Christus und dem Unheil der Kirche in Ihrer Theologie Rat sucht, erhält paradoxe Auskünfte: »Aufgrund der nicht mehr zurückgenommenen Hingabe des Herrn ist die Kirche immerfort die von ihm geheiligte, in der die Heiligkeit des Herrn anwesend wird unter den Menschen. Aber es ist wahrhaft Heiligkeit des Herrn, die da anwesend wird und die sich zum Gefäß ihrer Anwesenheit immer wieder auch und gerade in paradoxer Liebe die schmutzigen Hände der Menschen wählt. Es ist Heiligkeit, die als Heiligkeit Christi aufstrahlt inmitten der Sünde der Kirche... Man könnte von da aus geradezu sagen, eben in ihrer paradoxalen Struktur aus Heiligkeit und Unheiligkeit sei die Kirche die Gestalt der Gnade in dieser Welt.« (S.284)

Ich bin kein gelernter Theologe. Vielleicht kann ich mich nur deshalb des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich hier um ein intellektuelles Glasperlenspiel handelt, bei dem die Dinge auf den Kopf gestellt werden: Das Apriori ist nicht mehr der »Herr«, sondern die Kirche; Er wird zum Vehikel einer Organisation, die aufgrund Seiner »nicht mehr zurückgenommenen Hingabe« auch dann heilig bleibt, wenn sie sich von Ihm abwendet. Sie schreiben am Ende Ihrer Deduktion, dass »gerade die unheilige Heiligkeit der Kirche etwas unendlich Tröstendes an sich« habe.

Unberechenbar und gefährlich

Verehrter Papst Benedikt, was würde wohl Jesus von Nazareth zu so viel Paradoxie sagen? Würde Er sich nicht verbitten, dass sich Ihre Kirche als »mystischer Leib Christi« bezeichnet? Noch dazu, wo sie das nach Ihrem Paradoxon von der »unheiligen Heiligkeit« in jeder Situation tun darf und durfte - auch in den Jahrhunderten der Kreuzzüge und Inquisition, in denen sie ihre Blutspur durch die Weltgeschichte zog. Macht dieses Motto »einmal heilig - immer heilig« die Kirche nicht auch für die Zukunft unberechenbar, um nicht zu sagen gefährlich?

Sie wenden sich in Ihrem Buch dagegen, dass »die Kritik an der Kirche jene gallige Bitterkeit annimmt«, zu der sich »nur allzu oft eine spirituelle Leere« gesellt, »in der sie nur noch wie ein politisches Zweckgebilde betrachtet wird, dessen Organisation man als kläglich oder als brutal empfindet, als ob das Eigentliche der Kirche nicht jenseits der Organisation läge, im Trost des Wortes und der Sakramente...« (S.286) Das mag ja sein; aber wurde das »Eigentliche« nicht längst vom Uneigentlichen begraben? Wie wollen Sie angesichts des imperialen Zuschnitts und der Macht- strukturen Ihrer Kirche in Geschichte und Gegenwart noch deren spirituellen Anspruch vor Gott rechtfertigen und im Namen Jesu Christi den Menschen verkünden?

Pomp und Prunk im Namen Jesu?

Erlauben Sie mir, dass ich mir für einen Moment anmaße, mich zum Anwalt des Nazareners zu machen, um in diesem Zusammenhang noch ein paar weitere unangenehme Fragen zu stellen: Halten Sie es mit der Lehre Jesu für vereinbar, dass die Kirche den ungeheuren Reichtum, den sie im Lauf der Jahrhunderte - zum Teil durch Täuschung und Gewalt - erworben hat, auch weiterhin behält? Oder wäre es nicht an der Zeit, damit Hunger und Not in der Dritten Welt tatkräftig zu lindern? Was würde Jesus von Nazareth wohl raten?

Was würde der Zimmermann aus Nazareth wohl von der Prunkentfaltung halten, die die Welt beim Tod Ihres Vorgängers und Ihrer eigenen Inthronisation erlebte? Sicherlich: Jesus wusste auch zur rechten Zeit zu feiern - man denke nur an die Hochzeit von Kanaan. Aber in einer Welt, in der täglich 40.000 Kinder verhungern, nimmt sich gleißender Pomp aus Gold und Purpur im Namen Jesu fragwürdig aus. Die Kirche nutzte ihre Feierlichkeiten zu Staatsakten der katholischen Weltmission. Aber im lauten Medienspektakel wich die Chance zur Spiritualität eher einer Massenpsychose, bei der man den »Stellvertretern Gottes« als Idolen huldigte, während Christus als Gekreuzigter zur bloßen Dekoration wurde. Ganz nebenbei: Warum hängt Er eigentlich immer noch am Kreuz, obwohl Er doch längst auferstanden ist?!

Heidnische Blutmystik

Vielleicht könnte man ja bei großzügiger Betrachtungsweise über vieles hinwegsehen, was an äußeren Diskrepanzen zwischen dem Zim- mermann aus Nazareth und der reichen Kirche irritiert. Schmerzhafter wirkt die Verleugnung Jesu durch zentrale Dogmen der Kirche. Ist es nicht furchtbar, dass viele Kirchenchristen unsicher werden, wenn man sie fragt, warum Christus Mensch geworden ist und warum Er so grausam sterben musste?

Wer in seinen Erinnerungen an den katholischen Religionsunterricht kramt, wird zögernd antworten, dass dieses Opfer notwendig war, um Gott mit den Menschen zu versöhnen. Doch wer diese Antwort ernsthaft bedenkt, dem stockt der Atem: Ein schauderhafter Gott muss das sein, der so beleidigt ist, dass er zum Ausgleich ein Menschenopfer fordert, und noch dazu seinen eigenen Sohn. Ein solches Gottesbild schreckt viele Menschen ab und macht auch Jesus von Nazareth suspekt.

Doch wer den Katechismus Ihrer Kirche aufschlägt (vielleicht in der Hoffnung, sich getäuscht zu haben), wird in diesem Alptraum bestätigt: Er liest dort, dass »der Vater seinen Sohn hingab, um uns mit sich zu versöhnen...«, dass Jesus »sein Leben als Sühneopfer hingab... sein Blut zur Tilgung der Sünden vergossen wurde ... und Gott dem Vater für sie Genugtuung geleistet« habe. Seit rund tausend Jahren nagt diese Lehre an den Wurzeln menschlichen Gottvertrauens und einem plausiblen Glauben an den Sinn des Lebens Jesu. Auch dieses Dilemma haben Sie als Theologe durchaus gesehen, indem Sie von dem »unheimlichen Licht« schrieben, in das diese Lehre das Gottesbild taucht (S.189). Deshalb versuchen Sie mit viel theologischer Beredsamkeit die geradezu satanisch anmutenden Komponenten dieser auf Anselm von Canterbury, im Grunde schon auf Paulus zurückgehende »Satisfaktionslogik« zu relativieren: Sie würde durch das Evangelium nicht bestätigt, betonen Sie. Wenn im Hebräerbrief vom Blut der Versöhnung die Rede sei, so sei dies nicht »als eine sachliche Gabe zu verstehen, als ein quantitativ zu bemessendes Sühnemittel«, sondern einfach als »die Konkretisierung der Liebe, von der gesagt ist, dass sie bis zum Äußersten reicht« (S.236).

Wer an einen liebenden Gott glaubt und wer die Botschaft Jesu ernstnimmt, der kann in der Tat nur davon ausgehen, dass Sein Tod nicht ein neues heidnisches Schlachtopfer ist, sondern Ausdruck Seiner bedingungslosen Treue zu Seinem Auftrag, der Menschheit das Reich Gottes zu verkünden und Sein Friedensreich auf die Erde zu bringen. Aber wenn man sich über den wahren Auftrag Jesu einig ist, warum hat sich Ihre Kirche dann nicht längst auch in ihrer offiziellen Lehrverkündigung von dem heidnischen, alles verfälschenden Opfermythos getrennt? Die heute gültige Fassung des Katechismus der katholischen Kirche stammt erst aus dem Jahre 1992. Kann sich eine Kirche, die in ihrer Katechese, in Tausenden von Andachten und Gebeten den Sohn Gottes als notwendiges Schlachtopfer verehren lässt, noch im Ernst auf Ihn berufen?

Am Abgrund zur ewigen Hölle

Hinzu kommt ein Weiteres: Wie kann eine Kirche die Formulierung vom »Lamm Gottes, das unsere Sünden hinwegnimmt« zum religiösen Mantra machen und gleichzeitig allen jenen mit ewiger Verdammnis drohen, die sich in der Kasuistik ihrer Todsündenlehre verstolpern? In meiner Jugend konnte das noch passieren, wenn man ein indiziertes Buch las, wenn man ein Mädchen zu heftig küsste und zwei- bis dreimal am Sonntag nicht zur Messe erschien. Es mag heute nicht mehr ganz so schlimm sein, aber ein Großteil der Kirchenchristen bewegt sich nach kirchlicher Lehre immer noch recht nah am Abgrund zur ewigen Hölle.

Einspruch:
Gott ist liebender Vater und verdammt nicht!

Ich rede damit keiner »Diktatur des Relativismus« das Wort, sondern erhebe Einspruch im Namen Jesu und Seines uns alle unendlich liebenden Vaters, dessen allmächtige Güte beleidigt wird, wenn man Ihm unterstellt, dass Er einen Großteil der Menschheit für ewig verdammt. Der frühchristliche Theologe Origenes wusste noch darum, dass am Ende der Zeiten alles gut werden und alle Menschen zu Gott zurückkehren würden (»Apokatastasis«); doch das Konzil von Konstantinopel machte im Jahr 553 damit Schluss - nicht weil es ernsthafte spirituelle oder theologische Gründe gegen seine Lehre gegeben hätte. In erster Linie deshalb, weil der oströmische Kaiser Justinian eine Religionsstreitigkeit über die Präexistenz der menschlichen Seele und die Erlösung aller Seelen und Menschen durch Christus im Keim ersticken wollte. Deshalb fackelte er nicht lange und gab der Versammlung die Bannflüche gegen Origenes und damit gegen einen wesentlichen Teil der Frohbotschaft Christi vor. Die römische Staatskirche nahm Abschied von Seiner Botschaft über einen liebenden Vater-Gott, der niemanden verdammt, sondern alle Seelen und Menschen, die gesamte gefallene Schöpfung in die ewige Heimat zurückholen wird - mit Hilfe der Erlösertat Jesu, die alle Menschen befähigt umzukehren. Fortan hatte die Kirche eine der schärfsten Waffen in der Hand: die Drohung mit der ewigen Verdammnis, die sie in den folgenden eineinhalb Jahrtausenden wirkungsvoll ein- setzte. Sie wurde auch zur Grundlage der Inquisition und der Kreuzzüge, die Millionen Menschen das Leben kosteten.

»Wir stehen in der Kontinuität der Inquisition«

Wie kann sich eine Kirche noch auf Jesus von Nazareth berufen, wenn sie sich in wichtigen Fragen nicht nach Ihm, sondern nach anderen Lehrern richtet? Dabei waren Männer wie Paulus, Canterbury und Justinian ja keineswegs die einzigen. Die wenigsten Katholiken wissen, dass das Apostolische Glaubensbekenntnis nicht von frühchristlichen Nachfolgern Jesu, ja nicht einmal von Theologen, formuliert wurde, sondern neben Justinian auch noch von anderen römischen Kaisern. Das fing bereits beim Konzil von Nizäa im Jahre 325 an, das Kaiser Konstantin einberufen hatte, um die erste große theologische Auseinandersetzung zu schlichten, den Streit zwischen Arius und Athanasius: ob Jesus, der Christus, selbst Gott sei (»wesenseins mit Gott«) oder Gottes Sohn sei (»wesensähnlich mit dem Vater«). Es war kein frommer Christusnachfolger, sondern ein (ungetaufter) römischer Kaiser, der dekretierte, dass Christus »wesenseins mit Gott« sei, und der damit das bis heute gültige katholische Glaubensbekenntnis wesentlich mitbestimmte. Jesus hat zwar gesagt: »Ich und der Vater sind eins«; aber Er hat nicht gesagt, ich bin »wahrer Gott von wahrem Gott«, wie es die Kirche dank Konstantin Sonntag für Sonntag beten lässt.

Sie wissen besser als ich, dass auch andere Glaubensartikel auf ähnliche Weise zustandekamen: Etwa das Trinitätsdogma und das Dogma von der alleinseligmachenden Kirche. Auch hier maßte sich ein römischer Kaiser, Theodosius I., an, im Jahr 381 auf dem Konzil von Konstantinopel per Machtspruch die Glaubenslehre zu bestimmen. Er berief das Konzil ein, und einer seiner Juristen, den man schnell noch taufte, zum Priester weihte und zum Metropoliten beförderte, übernahm die Leitung der Versammlung, um die Formel des Dreieinigkeitsdogmas juristisch einwandfrei zu Papier zu bringen. Gleichzeitig wurde die Kirche als »heilig« und »apostolisch« erklärt und ihre Gnadenmittel zu den Heilsinstrumenten der neuen Staatsreligion deklariert. Was Theodosius und sein Jurist verabschieden ließen, ist bis heute Bestandteil des Credos aller christlichen Konfessionen. Nur »christlich« ist es eben nicht, denn es kommt nicht von Christus, sondern von der römisch-katholischen Staatskirche.

Was kümmert das einen Nicht-Katholiken?

Sie mögen mir entgegenhalten: Was kümmert das einen Nichtkatholiken? Er muss dieses Credo ja nicht annehmen. Dieser Einwand verfängt jedoch solange nicht, als die katholische Kirche nicht auf ihren Alleinvertretungsanspruch in Sachen Christentum verzichtet und anerkennt, dass Kirche und Christentum nicht identisch sind. Damit komme ich zur neuralgischen Frage des Verhältnisses Ihrer Kirche zu Christen, die nicht zu Ihren Mitgliedern zählen und dem Christus Gottes ohne das kirchliche Lehrgebäude nachfolgen wollen. Es handelt sich gewissermaßen um Ihr ureigenes Feld als ehemaliger Vorsitzender der Glaubenskongregation in der Nachfolge der kirchlichen Inquisitionsbehörde.

Sie haben diese Kontinuität bis in die jüngste Vergangenheit hinein nicht verneint, sondern sogar unterstrichen, wenn Sie dem Rundfunk Berlin-Brandenburg im März dieses Jahres erklärten: »Großinquisitor ist eine historische Entscheidung, irgendwo stehen wir in der Kontinuität.« Das ließ aufhorchen; noch mehr der Nachsatz, in dem Sie bemerkten, dass man »doch sagen« müsse, dass Inquisition der Fortschritt war, dass nichts mehr verurteilt werden durfte ohne inquisitio, d.h., dass Untersuchungen stattfanden. Ich gehe davon aus, dass Sie die Art und Weise dieser »Untersuchungen«, bei denen ja vielfach grausam gefoltert wurde, im Bewusstsein hatten, als Sie im selben Interview sagten, dass die »damaligen Methoden zum Teil kritisierbar« gewesen seien. Vielleicht wurden Ihre Interviewäußerungen ja auch verkürzt wiedergegeben, denn sie scheinen mir die Dinge etwas zu verharmlosen.

»... ständig auf dem Sprung, von neuem die Scheiterhaufen zu entflammen«

Jedenfalls sei mir die Frage gestattet, ob und inwieweit auf die Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Religionsfreiheit wirklich Verlass ist. Diese Frage stellt sich nicht nur deshalb, weil sich die Kirche bis 1965 Zeit ließ, sich von dem Recht und der »Pflicht, sittliche und religiöse Irrtümer zu unterdrücken« (Pius XII.), zu lösen. Auch die Konzilserklärung selbst gibt in Verbindung mit anderen Kirchendokumenten zu erheblichen Zweifeln Anlass, wenn sie daran festhält, dass »die überlieferte katholische Lehre von der moralischen Pflicht der Menschen und der Gesellschaft (!?) gegenüber der wahren Religion und der einzigen Kirche Christi unangetastet« bleibe.

Es handelte sich stets nicht nur um eine »moralische«, sondern um eine zugleich rechtliche Pflicht, von der die Kirche in diesem Zusammenhang ausging. Insofern wirkt es beängstigend, dass sich bis heute in der Sammlung ihrer amtlichen Lehrverkündigungen der Brief Pius IX. an den Münchner Erzbischof findet, in dem der Papst über seine Kirche sagt: »Sie muss mit peinlicher Sorgfalt alles entfernen und ausmerzen (?!), was gegen den Glauben ist oder dem Seelenheil irgendwie schaden könnte.« Solange dieser Text nicht annulliert wird, bleibt der Ausschließlichkeitsanspruch der Kirche von jener Bedrohlichkeit, die Karl Jaspers zu dem Ondit veranlasste, dieser kirchliche Anspruch sei »ständig auf dem Sprung, von neuem die Scheiterhaufen für Ketzer zu entflammen«. An dieser Stelle kann man sich als Christ, der außerhalb der Kirche lebt, nicht mehr auf bloße Fragen oder Bitten beschränken. Hier muss man im Namen Jesu und der Menschenrechte fordern, dass die Kirche den aggressiven Zunder solcher Lehrverkündigungen ein- für allemal entsorgt. Da Ihnen die Versöhnung unter Christen erklärtermaßen am Herzen liegt, dürfte Ihnen ein päpstlicher Federstrich im »Neuner-Roos« nicht allzu schwer fallen.

Kann man sich im Ernst vorstellen, dass Gott schweigt?

Ein ehrliches »Toleranzedikt« des Papstes hätte in vieler Hinsicht heilsame Folgen: Es wäre nicht nur ein wichtiger Beitrag zum Frieden zwischen unterschiedlichen Glaubensrichtungen. Möglicherweise würden sich auch innerhalb der Kirche Türen öffnen für einen Windstoß des heiligen Geistes, der bekanntlich weht, wo er will, und theologisch-dogmatische Engführung auf Dauer nicht verträgt. Fällt in kirchlichen Kreisen wirklich niemandem auf, dass es bei den frühen Christen nicht nur die Gabe der Heilung, sondern auch die Gabe der Prophetie gab, von der das Evangelium mehrfach berichtet? Und dass der prophetische Strom mit ganz wenigen Ausnahmen nie mehr innerkirchlich, sondern nur mehr extra muros auftauchte - und dort dann mit Feuer und Schwert verfolgt wurde?

Immerhin schrieb kein Geringerer als Karl Rahner ein ganzes Traktat über die Möglichkeit von »Privatoffenbarun- gen«. »Privat« deshalb, weil sie nicht von der Amtskirche kommen, die von Offenbarungen aus der göttlichen Welt nichts mehr hält. Vielleicht deshalb, weil sie auch hier einen Ausschließlichkeitsanspruch
geltend macht, in diesem Falle nicht nur gegenüber den Menschen, sondern auch gegenüber dem Gottesgeist? Kann man sich im Ernst vorstellen, dass Gott seit 2000 Jahren schweigt, obwohl Er sich zu allen Zeiten durch Prophetenmund offenbarte?

Eine neue Prophetie

Es gibt viele Menschen, die davon überzeugt sind, dass auch heute wieder ein Prophet, dieses Mal in Gestalt einer Frau, unter uns lebt, durch den ein göttliches Offenbarungswerk und eine weltweite urchristliche Gemeinschaft entstanden ist. Wer hier ungläubig abwinkt, sollte dies nicht ohne einen neuerlichen Blick in Ihr bereits mehrfach zitiertes Buch tun. Unter dem Kapitel »Zweifel und Glauben« schildern Sie anhand von Kierkegaards Gleichnis vom Clown und dem brennenden Zirkus die Situation des Gläubigen, der die Feuerwehr alarmiert und verlacht wird, weil man ihn in seinen Clownsgewändern nicht ernstnimmt. In Ihrem Text symbolisiert der Clown den Theologen. Vielleicht sollte man ihn wenigstens für einen Moment mit der Gestalt eines Propheten vertauschen. Dann würde Ihr Wort »von der lastenden Unmöglichkeit, die Schablonen der Denk- und Sprechgewohnheiten zu durchbrechen« (S.18), in einer neuen Dimension aktuell. Die »ahnungslosen Dörfler«, denen der Clown in Kierkegaards Gleichnis begegnet, wären dann die ahnungslosen Kirchenleute, den- en der Prophet gegenübertritt. Seine Offenbarung wäre im »Dilemma des Glaubens« nicht schwächer als das Dogma des Theologen, denn, wie Sie so treffend schreiben: »... wie sehr sich auch der Unglaube... gerechtfertigt fühlen mag, es bleibt ihm die Unheimlichkeit des 'vielleicht ist es doch wahr'. Das 'vielleicht' ist die unentrinnbare Anfechtung, der er sich nicht entziehen kann... Der Glaubende wie der Ungläubige haben, jeder auf seine Weise, am Zweifel und am Glauben Anteil, wenn sie sich nicht vor sich selbst verbergen und vor der Wahrheit ihres Seins. Keiner kann dem Zweifel ganz, keiner dem Glauben ganz entrinnen.« (S.23 f)

Dostojewskis Warnung an die Kirche

In diesem Glaubensdilemma standen die Menschen immer wieder, wenn ihnen ein Prophet begegnete. Meist verhielten sie sich ablehnend, vor allem die Priester der jeweiligen Zeit. Sie haben die Tradition im Sinne, die Propheten hingegen die Revolution, weshalb sie den Priestern von Natur aus suspekt sind. Sogar als der Sohn Gottes auf Erden erschien, änderte sich daran nichts - genauso wenig wie später, als erleuchtete Männer und Frauen, Mystiker und Visionäre das dogmatisch verfestigte Glaubensgebäude der Kirche zu erschüttern drohten. Vielfach erging es ihnen so wie in Dostojewskis Novelle »Der Großinquisitor« dem wiedererschienenen Christus, zu dem der mittelalterliche Kirchenfürst spricht: »Wir ha- ben deine Tat verbessert und sie auf das Wunder, auf das Geheimnis und auf die Autorität gegründet. Und die Menschen freuten sich, dass sie wieder wie eine Herde geleitet wurden... Warum bist du denn jetzt gekommen, uns zu stören? ... Wir sind schon seit langer Zeit nicht mehr mit dir im Bunde, sondern mit ihm, schon acht Jahrhunderte lang. Acht Jahrhunderte ist es her, dass wir von ihm das annahmen, was du unwillig zurückwiesest, jene letzte Gabe, die er dir anbot, indem er dir alle Reiche der Erde zeigte: Wir haben von ihm Rom empfangen und das Schwert des Kaisers und haben uns selbst als die Herren der Erde, als ihre einzigen Herren erklärt...«

Wer den Alarmruf überhört...

So ähnlich könnte es auch sein, wenn ein neuer Prophet über die Erde geht, der über alle Dogmen und Riten hinweg auf die verschüttete Lehre Jesu zurückkommt, aber vom Papst ignoriert wird. Vielleicht wird er bedrohlich abgefertigt wie der wiedererschienene Christus in Dostojewskis Novelle; vielleicht wird er verlacht wie der Clown in Kierkegaards Gleichnis, der nach der Feuerwehr ruft. Der Zirkus brennt und die Rettung wäre möglich, wenn man dem Alarmruf glauben würde. Hält man solche Rettungsrufe aus der göttlich-geistigen Welt auch heute nicht für schlechthin unmöglich, müsste auch ein Skeptiker die Sache prüfen, wenn er die Risiken einer solchen Prüfung und ihres Verzichts gegeneinander abwägt: Prüft er und findet dabei nichts Prophetisches, kann er sich wieder zurückziehen und hätte - außer ein wenig Zeit und Energie - nichts verloren. Prüft er hingegen nicht und Prophetisches ist tatsächlich vorhanden, hätte er durch den Verzicht auf die Prüfung alles verloren.

Kosmische Lehren

Als Kostprobe des prophetischen Alarmrufs für unsere Zeit darf ich Ihnen den Text »Die großen kosmischen Lehren des Jesus von Nazareth an Seine Apostel und Jünger, die es fassen konnten« beifügen. Es handelt sich nur um einen kleinen Ausschnitt eines großen Offenbarungswerkes, in dem die Menschheit vieles über die Entstehung der Erde und des Lebens auf unserem Planeten erfährt, über die Zusammenhänge von Geist und Materie, von Körper und Seele, von Gesundheit und Krankheit. Und nicht zuletzt wird vieles über das Leben und die Lehre des Nazareners offenbart, was im Lauf der Jahrhunderte untergegangen ist. Der Gottesgeist stellt richtig, was über Jesus von Nazareth Falsches gelehrt und zum Teil verschwiegen wurde. Es schildert auch, wie Jesus die Tiere liebte. Die Offenbarungen geben Antworten über den Sinn und Zweck unseres Erdenlebens, über die wahre Bedeutung der Erlösertat Jesu, über die Gültigkeit des Gesetzes von Saat und Ernte, über die Art und Weise des Weiterlebens der Seele nach dem Hinscheiden des Leibes, über die kommende Zeit der Menschheit, das entstehende Friedensreich und vieles andere mehr.

Ich weiß nicht, ob dieser Brief zu Ihnen »durchkommt«. Wenn Gott will, wird dies geschehen, und Sie können dann selbst entscheiden, was Sie von meinen Fragen halten und vor allem: ob Sie die Möglichkeit einer neuen Gottesprophetie ernsthaft prüfen wollen.

Ich wünsche Ihnen bei dieser und allen weiteren wichtigen Entscheidungen Ihres Lebens Gottes Segen und die Führung Christi.

In diesem Sinne grüße ich Sie als Ihr Bruder in Christus.

gez. Christian Sailer

 



 



Das lehrte Jesus:

»Wer mit dem Schwert kämpft, wird durch das Schwert umkommen.«

»Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch, die ihr hört: Liebet eure Feinde, tut Gutes denen, die euch hassen.«

»Ihr sollt auch nicht für euch Schätze sammeln auf Erden, die die Motten und der Rost fressen... Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht nachgraben noch stehlen. Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz. Niemand kann zwei Herren dienen... Ihr könnt nicht zugleich Gott dienen und dem Mammon.«

»Wehe euch, die ihr reich seid! Denn ihr habt in diesem Leben euren Trost empfangen.«
»Ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen, denn einer ist euer Vater, der im Himmel, ihr aber seid Brüder.«

»Selig sind die Friedensstifter, denn sie werden Kinder Gottes heißen.«

»Und wenn du betest, sollst du nicht sein wie die Heuchler, die gerne beten in den Synagogen und an den Straßenecken, auf dass sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich, Ich sage euch, sie haben bereits ihren Lohn. Wenn du aber betest, so gehe in deine Kammer, und wenn du die Türe geschlossen hast, bete zu deinem himmlischen Vater, der im Verborgenen ist; und der verborgene Eine, der ins Ver- borgene sieht, wird es dir öffentlich anerkennen. Und wenn ihr gemeinsam betet, gebraucht keine leeren Wiederholungen wie die Heiden...«

DENK MIT 7, Juni 2005, S. 5 



DENK MIT 7, Juni 2005, S. 6 



DENK MIT 7, Juni 2005, S. 7 



DENK MIT 7, Juni 2005, S. 8 




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Papst beginnt Altes Testament im Neuen zu erhellen