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Katholischer Dekan warf sich vor Zug |
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In der Nacht um 3 Uhr werden nach katholischem Volksglauben die bösen Geister losgelassen. Am 11. November war es 3.19 Uhr, als sich der katholische Dekan von Lohr/Spessart und Pfarrer von Lohr-St.Michael, Dr. Klaus-Peter Kestler, kurz hinter dem Bahnhof Lohr in Richtung Aschaffenburg vor einen Zug geworfen hatte. »Das Bischöfliche Ordinariat geht davon aus, dass der 55-Jährige freiwillig aus dem Leben geschieden ist«, schreibt die Lokalpresse (Main-Post, 13.11.06). Sein Tod erspart der römisch-katholischen Kirche zunächst einen weiteren riesigen Skandal. Gegen den Vorgesetzten der Priester im Dekanat Lohr lief nämlich ein Ermittlungsverfahren »wegen Nötigung in einem besonders schweren Fall«. Von einem »jungen Mann«, »der in enger Verbindung mit dem Geistlichen gestanden haben soll«, ist die Rede, was auf ein mögliches Verbrechen im »intimen Bereich« hindeuten könnte, das die Kirche einmal mehr in die Negativschlagzeilen bringen würde.
Erst vor etwa einer Woche beklagte der Pfarrgemeinderat von Lohr-St. Michael unter Vorsitz von Dr. Kestler, dass es immer schwieriger sei, vor allem bei Beerdigungen »Ministranten aufzutreiben« (Main-Post, 3.11.2006). Man kritisierte vor allem die Einstellung mancher Eltern, obwohl mittlerweile allgemein bekannt ist, dass katholische Eltern sich aufgrund von Sexualverbrechen von kirchlichen Amtsträgern scheuen, ihren Kindern den Ministrantendienst zu erlauben. Die Einstellung »Ich bin froh, dass mein Sohn nie Ministrant war« (Tagesspiegel, 25.2.02) ist inzwischen weit verbreitet.
Und der Angeschuldigte ist kein kleiner katholischer Fisch. Dekan Dr. Kestler war in leitender Funktion (neben Weihbischof Helmut Bauer, Domvikar Paul Weismantel u.a.) auch Mitglied im Geschäftsführenden Ausschuss des Priesterrats der Diözese Würzburg. Und dieser hat wiederum die Aufgabe, »den Bischof in der Leitung der Diözese zu unterstützen« (POW, 4.5.2005). Die Vorwürfe treffen die römisch-katholische Kirche also einmal mehr ins Mark. Doch nun erklärt der Oberstaatsanwalt plötzlich: »Mit dem Tod des 55-Jährigen sei das Ermittlungsverfahren beendet ... Damit ist klar, dass die Vorwürfe nicht aufgeklärt werden und für den Priester die Unschuldsvermutung gilt.« Es wäre allerdings weltweit nahezu einmalig, dass sich ein zu Unrecht Verdächtigter seiner Verteidigung (bzw. der Aufklärung des Sachverhalts) durch Selbstmord entzieht. Offensichtlich besteht jedoch ein starkes Interesse »Dritter«, dass dieser Sachverhalt für immer unter dem Teppich gekehrt bleibt. So bleiben auch offene Rückfragen nach dem Grad der Freiwilligkeit des Selbstmords. Im Zusammenhang des Ermittlungsverfahrens ließ die Kirche auch ein psychiatrisches Gutachten über den Dekan anfertigen, der Bischof Friedhelm Hofmann bei der Leitung der Bistums unterstützte. Laut Bistumssprecher Bernhard Schweßinger habe dies ebenfalls »keine Hinweise auf einen geplanten Suizid gegeben« (Main-Post, 13.11.06).
Dekan Dr. Klaus-Peter Kestler arbeitete im Dekanat Lohr auch mit dem evangelischen Dekan Michael Wehrwein zusammen, der mit inquisitorischem Kleingeist gegen religiöse Minderheiten im Dekanat (z. B. Zeugen Jehovas, Universelles Leben*) vorgeht und der »die ökumenische Zusammenarbeit« mit Dr. Kestler in der Jugendarbeit lobte (Würzburger Katholisches Sonntagsblatt, 11.12.05). Für den Sonntag, den 12. November, war jedoch geplant, die zwischenzeitliche Versetzung des Dekans »in den einstweiligen Ruhestand« öffentlich zu machen, um die der Würdenträger zuvor »gebeten« hatte. Nun predigte in Lohr der Würzburger Domkapitular Dr. Heinz Geist stattdessen anlässlich des Todes von Kestler. Und er wählte dabei die für kirchliche Informationspolitik unverwechselbaren und typischen Worte: »Gott scheint uns ohne Antwort zu lassen« (Main-Post). Und: Das Geschehene werde »wohl für immer unbegreiflich bleiben« (Main-Echo, 13.11.). Und damit das auch tatsächlich so bleibt, wird die Kirche laut Bistumssprecher Bernhard Schweßinger »weiter mit dem Mann ´in Kontakt bleiben`, der den Pfarrer beschuldigt hatte.« (www. mainpost. de, 13.11.)
Am 14.11. drangen dann allerdings doch weitere Details ans Licht der Öffentlichkeit. Demnach pflegte der Würdenträger seit einigen Jahren ein »sexuelles Verhältnis« mit einem ehemaligen Ministranten, das allerdings erst begonnen haben soll, als der Jugendliche bereits »das 16. Lebensjahr vollendet hatte« (Main-Echo, 14.11.). Der geistliche Leiter des Dekanats Lohr lebte womöglich in völliger psychischer Abhängigkeit zu diesem jungen Mann und soll mit Selbstmord gedroht haben, falls der mittlerweile 22-Jährige mit ihm Schluss mache. Dies würde auch Gedanken über mögliche andere Interessen im Zusammenhang mit dem Tod des Dekans entkräften. Auf jeden Fall erhält Dekan Dr. Kestler einen »ehrwürdigen« Platz im Würzburger Priestergrab.
* Der evangelische Dekan von Lohr, Michael Wehrwein, holte zu diesem Zweck vor einiger Zeit z. B. den evangelischen »Sektenbeauftragten« Dr. Wolfgang Behnk nach Lohr, der vor ökumenischer Zuhörerschaft ausgerechnet den unbescholtenen Anhängern des Universellen Lebens einen möglichen »Massenselbstmord« andichtete, obwohl dort - anders als in der Kirche - das 5. Gebot (»Du sollst nicht töten«) konsequent befolgt wird und es im Unterschied zur Kirche keine Selbstmorde gibt. Die Selbstverbrennung eines evangelischen Pfarrers in Erfurt und der Selbstmord des katholischen Dekans in Lohr sind dabei nur die letzten Vorfälle einer langen Reihe von fortlaufenden Selbstmorden von kirchlichen Würdenträgern.
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Themen DENK MIT 21 |
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