Sehr geehrter Herr Müntefering,

mit großem Interesse haben wir die Berichterstattung zum katholischen Weltjugendtag in Köln verfolgt, bei dem Sie nicht nur zugegen waren, sondern sogar Herrn Ratzinger am Freitag begegneten. Im aktuellen STERN 35/2005 äußern Sie in einem Interview Ihre Bewunderung für den Papst und erklären, es gäbe große Gemeinsamkeiten zwischen der katholischen Soziallehre und der Sozialdemokratie.
Dies ist zum einen verwunderlich, schließlich ist es noch gar nicht so lange her, dass katholische Bischöfe in Hirtenbriefen zu Bundestagswahlen indirekt drohten, wenn ihre Gläubigen nicht eine »christliche« Partei wählen. Ein guter Katholik musste in den 50er und 60er Jahren fast um sein Seelenheil bangen, falls er »die Roten« wählte.
Zum anderen ist Ihre Aussage äußerst beunruhigend! Denn die kirchliche Soziallehre (welche die Kirche selbst im Übrigen nicht umsetzt, da sie Reichtümer über Reichtümer sammelt, statt sie den Armen zu geben) ist von der übrigen Kirchenlehre nicht zu trennen.


Der katholische Katechismus sagt beispielsweise: »Das Alte Testament bereitet das Neue vor, während dieses das Alte vollendet. Beide erhellen einander; beide sind wahres Wort Gottes.« (140) Im Alten Testament wird verlangt, dass sittliche Verfehlungen wie z.B. Ehebruch mit der Todesstrafe zu ahnden sind (3. Mose, 20.10), ebenso brutal ist in anderen Fällen sittlicher Vergehen zu verfahren:
»Ein Mann, der mit der Frau seines Nächsten die Ehe bricht, wird mit dem Tode bestraft, der Ehebrecher samt der Ehebrecherin.« (3. Mose, 20.10)
»Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft ... sollen beide aus ihrem Volke ausgemerzt werden.« (3. Mose, 20, 11-17)
»Ein Mann aber, der so vermessen ist, auf den Priester, der dort steht, um vor dem Herrn seinen Dienst zu tun, oder auf den Richter nicht zu hören, dieser Mann soll sterben.« (5. Mose, 17,12)

Sehr geehrter Herr Müntefering, wissen Sie, was aus der Sicht des Vatikan »christliche Politik« bedeutet? Ausschließlich das, was die Kirche darunter versteht!
»Was christlich ist, bestimmen wir«, sagte kurz vor Beginn des Weltjugendtages Kardinal Meisner.
Er befand sich damit in Übereinstimmung mit den vielen Erklärungen des jetzigen Papstes als vormaligen Vorsitzenden der römischen Glaubenskongregation. Der kirchliche Absolutheitsanspruch gilt insbesondere für ethisch-moralische Fragen – von der Embryonenforschung über die Konzeption von Ehe und Familie, von der Homosexualität bis zu den Menschenrechten und weltanschaulicher Toleranz. So wichtige Bestandteile unserer Verfassung wie die Menschenrechte, wurden in Europa gegen den hartnäckigen Widerstand der römisch-katholischen Kirche durchgesetzt. Im Jahr 1965 hat sie auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil nach außen zwar religiöse Toleranz signalisiert; aber in Wirklichkeit blieb sie so intolerant wie eh und je, wie es beispielsweise in dem weiterhin gültigen Kompendium »Der Glaube der Kirche in Urkunden der Lehrverkündigung« von Neuner-Roos zu lesen ist:
»Deshalb muss sie (die Kirche) alles entfernen und ausmerzen, was gegen den Glauben ist oder dem Seelenheil irgendwie schaden könnte. Somit kommt der Kirche aus der ihr vom göttlichen Urheber übertragenen Machtvollkommenheit nicht nur das Recht zu, sondern sogar die Pflicht, gleich welche Irrlehren nicht nur nicht zu dulden, sondern vielmehr zu verbieten und zu verurteilen« (Neuner-Roos, Der Glaube der Kirche in Urkunden der Lehrverkündigung, Nr. 382).
Im selben Werk heißt es weiter: »Dem römischen Papst sich zu unterwerfen, ist für alle Menschen unbedingt zum Heile notwendig« (Neuner-Roos, Nr. 430). Der Vatikanstaat ist folgerichtig bis heute eine absolute Monarchie, eine Diktatur. Der »unfehlbare« Papst Leo XIII. (1878-1903) erklärte 100 Jahre nach der Französischen Revolution, »dass es niemand erlaubt ist, die Gedankenfreiheit, Pressefreiheit, Lehrfreiheit, sowie die unterschiedslose Religionsfreiheit zu fordern, zu verteidigen, zu gewähren«.
»Wisse, dass du bist der Vater der Fürsten und der Könige, der Lenker des Erdkreises...« Bis 1963 wurden so tatsächlich Päpste in ihr Amt eingeführt. Inzwischen gibt man sich bescheidener und spricht diese Anmaßung nicht mehr vor der Kamera. Aber: Jeder Katholik hat noch immer zu glauben, dass der Papst den »Vorrang über den gesamten Erdkreis inne hat« - es ist ein so genanntes Dogma, ein verbindlicher Glaubenssatz. Wer es nicht glaubt, ist ewig verdammt (Neuner-Roos, Nr. 434).

Alle Nicht-Katholiken fallen aus Sicht der katholischen Kirche sowieso dem ewigen Höllenfeuer anheim, weil »außerhalb der apostolischen, römischen Kirche niemand gerettet werden kann« (Neuner-Roos Nr. 367).
Oder an anderer Stelle: »Darum können jene Menschen nicht gerettet werden, die um die katholische Kirche und ihre von Gott durch Christus gestiftete Heilsnotwendigkeit wissen, in sie aber nicht eintreten oder nicht in ihr ausharren wollen« (Neuner-Roos, Nr. 375).
Oder: »Die heilige römische Kirche ... glaubt fest, bekennt und verkündet, dass niemand außerhalb der katholischen Kirche, weder Heide, noch Jude noch Ungläubiger oder ein von der Einheit Getrennter des ewigen Lebens teilhaftig wird, vielmehr dem ewigen Feuer verfällt, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist, wenn er sich nicht vor dem Tod ihr (der Kirche) anschließt.« (Neuner-Roos, Nr. 381)

Das Schicksal der ewigen Verdammnis droht nach Lehre der katholischen Kirche also der großen Mehrzahl der Deutschen: 31% Protestanten, 30% Kirchenaussteigern und 8% Andersgläubigen.
Ewige Verdammnis droht aber auch allen Katholiken, die nicht allen Ernstes an die jungfräuliche Empfängnis Mariens, die Unfehlbarkeit des Papstes, die Wandlung einer Oblate in das tatsächliche Fleisch Jesu oder den Ablass von Sündenstrafen (z.B. durch Teilnahme am Weltjugendtag) glauben. Zweifel an der katholischen Lehre ist eine Todsünde. Im Katechismus der katholischen Kirche von 1993 heißt es: »Die Lehre der Kirche sagt, dass es eine Hölle gibt und dass sie ewig dauert. Die Seelen derer, die im Zustand der Todsünde sterben, kommen sogleich nach ihrem Tod in die Unterwelt, wo sie die Qualen der Hölle erleiden...« (Katechismus der Katholischen Kirche von 1993, 1034).

Da kann man nur sagen: Eine solche Lehre mag sich »katholisch« nennen, aber bitte nicht christlich - denn mit Jesus, dem Christus, hat das absolut nichts zu tun!

Damit Sie sich selbst ein Bild von der Lehre der katholischen Kirche machen können, senden wir Ihnen das Standardwerk von Neuner-Roos, Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung.

Denn als Wähler möchten wir nur eines wissen: Werden Sie allen Ernstes eine Politik in diesem Sinne machen?



Sehr geehrter Herr Müntefering, wir sehen Ihrer Antwort oder Stellungnahme mit großer Spannung und Erwartung entgegen, nicht nur als Wähler, sondern auch zur Information für die Leser unserer Zeitung DENK MIT.



Mit freundlichen Grüßen
im Namen der Freien Christen für den Christus der Bergpredigt



Hiltrud Beil





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