immer wieder stolpern wir in diversen Zeitungen und Magazinen über Fotos und Berichte von Ihnen und dem Papst während des katholischen Weltjugendtages. In verschiedenen Interviews machte es den Eindruck, dass Sie der katholischen Kirche differenzierter gegenüber stehen als so manch andere/r Politiker/in, die z.B. während des Katholischen Weltjugendtags mit »Wir sind Papst«-Handzetteln in Köln auf der Straße standen oder wie jene Politikerin, die Herrn Ratzinger versprach, im Falle ihrer Wahl zur Bundeskanzlerin »christliche Politik« (und dies ja wohl in dem Sinne, wie es der Papst und die katholische Kirche verstehen?!) zu betreiben. Zum Beispiel sagten Sie kürzlich in einem Interview mit der katholischen Nachrichtenagentur KNA (16.8.2005) über den Besuch des Papstes: »Sie wissen, ich bin evangelisch... Ich setze mich mit seinen gesellschaftspolitischen Vorstellungen auseinander, weniger mit seinen theologischen.«
Doch die Kirche trennt nicht zwischen gesellschaftspolitischen und theologischen Vorstellungen: »Was christlich ist, bestimmen wir«, sagte kurz vor Beginn des Weltjugendtages Kardinal Meisner. Der kirchliche Absolutheitsanspruch gilt insbesondere für ethisch-moralische Fragen – von der Embryonenforschung über die Konzeption von Ehe und Familie, von der Homosexualität bis zu den Menschenrechten und weltanschaulicher Toleranz. In dem heute gültigen Kompendium »Der Glaube der Kirche in Urkunden der Lehrverkündigung« von Neuner-Roos heißt es: »Deshalb muss sie (die Kirche) alles entfernen und ausmerzen, was gegen den Glauben ist oder dem Seelenheil irgendwie schaden könnte.« (Neuner-Roos, Nr. 382). Dies ist doch im Hinblick auf das Zusammenleben verschiedener Religionen in Deutschland äußerst gefährlich! Zu diesem Thema sagten Sie, sehr geehrter Herr Bundeskanzler Schröder, kürzlich: »Wir dulden auch aus religiösen Gründen keine Ausnahmen vom Respekt der Verfassungsprinzipien. Unbedingte Achtung vor dem Grundgesetz erwarten wir von jedem, der in Deutschland lebt.« (KNA 16.8.2005). Und im Grundgesetz ist bekanntlich die Glaubensfreiheit ein sehr hohes Gut! Wie verträgt sich das mit dem katholischen Fundamentalismus, der alles, was nicht katholisch ist, als »Irrlehre« bezeichnet und »ausmerzen« will? Dass die Kirche dies nicht nur auf dem Papier stehen hat, sondern auch in die Tat umsetzt, zeigen die bedrohlichen Aktivitäten so genannter kirchlicher »Weltanschauungsbeauftragter«, die Andersgläubige und Kirchenaussteiger – obwohl völlig unbescholtene Bürger – in Form einer modernen Inquisition auf das Übelste diffamieren. Die Folge davon ist nicht nur gesellschaftliche Ausgrenzung, sondern es geht bis zur Existenzvernichtung. (Dies wird auf erschreckende Weise dokumentiert beispielsweise in dem Buch des Journalisten Matthias Holzbauer »Der Steinadler und sein Schwefelgeruch. Verfolgung einer Minderheit – aus Glaubensgründen verfolgt« (im Internet: www.steinadler-schwefelgeruch.de) oder in dem Werk des Religionswissenschaftlers Prof. Dr. Hubertus Mynarek »Die neue Inquisition – Sektenjagd in Deutschland«)
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, in dem oben erwähnten Interview mit der katholischen Nachrichtenagentur sagten Sie auf die Frage, was die Gesellschaft zusammenhalte, es seien die Wertvorstellungen der europäischen Aufklärung. Zu diesen steht die katholische Kirche im absoluten Gegensatz! Denn die Dogmen der Kirche legen fest: »Dem römischen Papst sich zu unterwerfen, ist für alle Menschen unbedingt zum Heile notwendig« (Neuner-Roos, Nr. 430). So wichtige Bestandteile unserer Verfassung wie die Menschenrechte, wurden in Europa gegen den hartnäckigen Widerstand der römisch-katholischen Kirche durchgesetzt. Der Vatikanstaat ist folgerichtig bis heute eine absolute Monarchie, eine Diktatur. Der »unfehlbare« Papst Leo XIII. (1878-1903) erklärte 100 Jahre nach der Französischen Revolution, »dass es niemand erlaubt ist, die Gedankenfreiheit, Pressefreiheit, Lehrfreiheit, sowie die unterschiedslose Religionsfreiheit zu fordern, zu verteidigen, zu gewähren«.
Als Protestant fallen Sie aus Sicht der katholischen Kirche dem ewigen Höllenfeuer anheim, weil »außerhalb der apostolischen, römischen Kirche niemand gerettet werden kann« (Neuner-Roos Nr. 367). An anderer Stelle heißt es: »Darum können jene Menschen nicht gerettet werden, die um die katholische Kirche und ihre von Gott durch Christus gestiftete Heilsnotwendigkeit wissen, in sie aber nicht eintreten oder nicht in ihr ausharren wollen« (Neuner-Roos, Nr. 375). Das Schicksal der ewigen Verdammnis droht nach Lehre der katholischen Kirche also der großen Mehrzahl der Deutschen: 31% Protestanten, 30% Kirchenaussteigern und 8% Andersgläubigen. Ewige Verdammnis droht aber auch allen Katholiken, die nicht allen Ernstes an die jungfräuliche Empfängnis Mariens, die Unfehlbarkeit des Papstes, die Wandlung einer Oblate in das tatsächliche Fleisch Jesu oder den Ablass von Sündenstrafen (z.B. durch Teilnahme am Weltjugendtag) glauben. Zweifel an der katholischen Lehre ist eine Todsünde. Im Katechismus der katholischen Kirche von 1993 heißt es: »Die Lehre der Kirche sagt, dass es eine Hölle gibt und dass sie ewig dauert. Die Seelen derer, die im Zustand der Todsünde sterben, kommen sogleich nach ihrem Tod in die Unterwelt, wo sie die Qualen der Hölle erleiden...« (Katechismus der Katholischen Kirche von 1993, 1034).
Da kann man nur sagen: Eine solche Lehre mag sich »katholisch« nennen, aber bitte nicht christlich - denn mit Jesus, dem Christus, hat das absolut nichts zu tun!
Nicht ohne Grund fordert das Grundgesetz eine Trennung von Staat und Kirche. Daher nahmen wir mit großem Interesse und Achtung vor Ihrem Mut zur Kenntnis, dass Sie sich nach Ihrer Wahl zum Bundeskanzler nicht von der Kirche instrumentalisieren lassen wollten, als Ihnen der evangelische Dekan Wehrwein aus Lohr ein Kruzifix fürs Kanzleramt schickte – das Sie (zunächst?) nicht aufhängten. Wehrwein tobte, dass er keine Antwort bekam, dass das Kreuz offenbar in der Requisitenkammer verschwunden sei. Vor allem beschwerte sich der Kirchenmann darüber, dass Sie das Kanzleramt ohne kirchliche Beteiligung, ohne kirchliche »Segenshandlung« bezogen hatten. Sollte Deutschland endlich einen Bundeskanzler haben, der mit der Trennung von Staat und Kirche Ernst macht? Fast 300 Jahre nach dem Beginn der Aufklärung in Europa mit der Forderung der Trennung von Kirche und Staat ist es nicht mehr zu verstehen, warum der deutsche Staat die Kirchen jedes Jahr mit 14 Millionen Euro subventioniert. Diese jährlich 14 Millionen Euro kommen zusätzlich zu den (staatlich eingetriebenen!) aus dem allgemeinen Steuertopf, also auch aus den Steuern von Kirchenaussteigern, Atheisten, Andersgläubigen. Dies ist ein in Europa und auf der Welt einmaliger Skandal! Kirchenaussteigern, Atheisten und Andersgläubigen zahlen von ihren Steuergeldern die Ausbildung von kirchlichen Theologen an den Universitäten, den kirchlichen Religionsunterricht an Schulen, direkt oder indirekt die fürstlichen Gehälter von Kardinälen und Bischöfen! Und dies in einer Zeit, in der die Staatsverschuldung in schwindelerregende Höhen steigt, der Staat kein Geld mehr für Sozialleistungen hat und Hartz IV-Empfänger von 345 Euro leben müssen. Von 14 Milliarden Euro könnte beispielsweise die staatliche Unterstützung für die Arbeitslosen monatlich um 225,- erhöht werden.
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, wir sehen Ihrer Antwort oder Stellungnahme mit großer Spannung und Erwartung entgegen, nicht nur als Wähler, sondern auch zur Information für die Leser unserer Zeitung DENK MIT.
Mit freundlichen Grüßen im Namen der Freien Christen für den Christus der Bergpredigt
Hiltrud Beil
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